THEMA

Raus aus der Falle

Nachdenken über die Ausbildung von Priestern und Seelsorgenden Von Christian Hennecke

Für die Seelsorge ausbilden: Herausforderungen und Optionen

Von Leo Karrer

Jenseits zu enger Berufsbilder zum Paradigmenwechsel herausgefordert

Die Replik von Christian Hennecke auf Leo Karrer

Mut zu einer pastoralen Chaos-Theorie

Die Replik von Leo Karrer auf Christian Hennecke

Die Kunst der Seelsorge

Von Doris Nauer

PROJEKT

„Liturgie des Abschieds“

Ausbildung ehrenamtlicher Seelsorgerinnen und Seelsorger für den Beerdigungsdienst im Erzbistum Freiburg Von Ulrich Albicker

INTERVIEW

Ausbildung ist Avantgarde

Ein Gespräch mit Udo Bentz

PRAXIS

„Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“

Ein Programm zur Steigerung des Anteils von Frauen in kirchlichen Leitungspositionen Von Andrea Qualbrink und Birgit Mock

Zwischen Rom und Silicon Savannah:
Priesterausbildung in Subsahara-Afrika

Von Franziska Seidler

Kontakt-Linsen kirchlicher Organisationsentwicklung

Ein Vorschlag zur Anreicherung der Berufseinführung Von Christina Isabelle Biskupek

Ekklesio-Diversity als Schmiermittel der personalen Wertschöpfungskette seelsorglicher Berufe

Von Marius Stelzer

FORUM

Vom Konflikt zur Gemeinschaft

Reflexionen zum Reformationsgedenken Von Wolfgang Thönissen

POPKULTURBEUTEL

Pastoraltheologie am heimischen Ofen

Von Matthias Sellmann

NACHLESE

Glosse von Annette Schavan

Buchbesprechungen

Impressum

Bernhard Spielberg Mitglied der Schriftleitung

Liebe Leserin, lieber Leser,

Karawanenführer haben einen der anspruchsvollsten Berufe, die ich kenne. Sie sorgen dafür, dass eine Gruppe von Menschen und Tieren – es können mehrere hundert Dromedare sein – auf wochenlangen, entbehrungsreichen Märschen heil durch die lebensfeindliche Umgebung der Sahara und der Sahelzone kommt. Unterwegs wird zwischen sechs Uhr morgens und elf Uhr nachts keine Pause gemacht. Selbst der Tee wird im Gehen gekocht.

Seit dem Mittelalter sichern Karawanen den Austausch lebenswichtiger Güter wie Salz, Datteln und Hirse sowie von Nachrichten zwischen Völkern, die weit verstreut leben. Karawanenführer müssen nicht nur die Karawane zusammenhalten und sie vor den Gefahren der Wüste, vor Sandstürmen, Schlangen und Überfällen schützen. Sie müssen auch den Weg und Wasser finden. Denn eingetretene Pfade gibt es zwischen Sand und Steinen auch nach Jahrhunderten nicht. In der Monotonie der Wüste dient ihnen der eigene Schatten zur Orientierung, genauso wie die Sterne und die Zeichen des Sandes, die sie zu lesen verstehen.

Ausgebildet werden Karawanenführer, von denen es übrigens immer weniger gibt, nicht im Internat. Für die Wüste wird man in der Wüste ausgebildet. Mit fünfzehn Jahren werden junge Männer ausgesucht, die dann fünfzehn Jahre mit einer Karawane mitgehen. Erst dann übernehmen sie selbst die Verantwortung. Unterwegs lernen sie das Unterwegssein.

„Seelsorge ist einer der schönsten und gefährlichsten Berufe der Welt“ schreibt Doris Nauer in ihrem Beitrag ab Seite 20. Weil man nie fertig ist. Und weil man anderen und sich selbst sowohl Heil als auch Schaden zufügen kann. Damit die Kunst der Seelsorge heilsam bleibt, brauche es lebenslange Schulung. Und eine Ausbildung, die hilft, notwendige Fähigkeiten einzuüben. Wie diese Ausbildung aussehen kann, das ist immer wieder zu diskutieren. Schließlich ist auch das wandernde Volk Gottes nicht auf gut ausgeschilderten Pfaden unterwegs, sondern in einer Gegenwart, deren Zeichen zu lesen und zu deuten sind. Interessant ist: Inspirationen hält auch hier der Blick in andere Ortskirchen bereit. Die Autorinnen und Autoren zeigen, was sich anderswo tut: in Mexiko und auf den Philippinen, in der Schweiz und im „Silicon Savannah“. Bei aller Unterschiedlichkeit der Formate schält sich im Hintergrund eine gemeinsame Erfahrung heraus: Seelsorge lernt man, wenn man mit dem Volk Gottes unterwegs ist.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre,

JProf. Dr. Bernhard Spielberg, Mitglied der Schriftleitung

Raus aus der Falle

Nachdenken über die Ausbildung von Priestern und Seelsorgenden

So geht es nicht. So ging es eigentlich schon lange nicht mehr. So wird es nicht mehr gehen. Das steht fest. Die Priesterausbildung verdient mehr als die Frage nach der Größe von Seminargemeinschaften und der Sicherung akademischer Standards der Theologie. Und gleichzeitig stellt sich auch die Frage, wie in Zukunft die anderen pastoralen Berufsgruppen, Seelsorgerinnen und Seelsorger in Berufen wie den der Gemeindereferenten oder Pastoralreferentinnen gefunden und ausgebildet werden können. Christian Hennecke

Zunächst und vor allem: warum geht es so nicht mehr? Ein kurzer Blick auf die Zeichen der Zeit braucht es, um deutlich zu machen, dass in Zeiten gesellschaftlicher Paradigmendämmerungen (und der Verflüssigung kirchlicher Selbstverständlichkeiten) die Frage nach der Ausbildung anders zu stellen ist (1). Das ist verbunden mit einer zweiten Frage: wofür genau werden Priester und andere Seelsorgerinnen und Seelsorger eigentlich gebraucht? Weil die Kirche (sakramentale und hierarchische) Dienste braucht, müssen diese im Volk Gottes verwurzelt sein und dem Volk Gottes dienen. Wie sich dieser Dienst gestaltet, wird aber erst dann deutlich, wenn auch klar ist, welchen Weg das Volk Gottes in diesen postmodernen Zeiten geht (2). Bevor allerdings eigene Überlegungen greifen können, ist erst einmal wahrzunehmen, dass – trotz aller scheinbaren Ähnlichkeit von Ausbildungsgängen – gerade auch im Bereich der Priesterausbildung spannende Erfahrungen gemacht werden, die Hinweise für eine mögliche Kultur zukünftiger Ausbildungsgänge aller pastoralen Berufsgruppen bieten (3). Sie bieten Möglichkeiten für eigene Überlegungen (4).

Christian Hennecke

geb. 1961, Dr. theol., 2006 – 2014 Regens des Priesterseminars, seit 2015 Leiter der Hauptabteilung Pastoral des Bistums Hildesheim.

I. FLÜSSIG UND DESWEGEN AUCH IDENTITÄTSBEWUSST

Wir leben in Zeiten der Verflüssigung: von festen Gewissheiten, von festen biografischen Entwürfen sind wir oft weit entfernt. Die Vervielfältigung der Herkunft, die fragileren und bunten Familiensituationen und die ganz unterschiedlichen Geprägtheiten, Herkünfte, Traditionen und die so vielen Optionen sind Kennzeichen, die sich natürlich auch darauf auswirken, wie junge Menschen heute zu Entscheidungen kommen, Berufswege und Partnerschaften wählen. Das ist für unseren gesellschaftlich-kirchlichen Kontext hinreichend reflektiert worden. Und es hat Konsequenzen. Es heißt vor allem, dass ein bestimmtes kirchliches Gestaltgefüge in einem tiefgreifenden und unabsehbaren Transformationsprozess ist. Irreversibel geht dabei auch eine katholische Sozialisationsidee zu Ende. Das ist allen bewusst. Entsprechend vielfältig stellen sich ja auch Glaubensbiografien dar, und wächst die Zahl derer, die später in ihrem Leben mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen. Es gibt weiterhin Menschen, die wie selbstverständlich in ihren katholischen Glauben hineinwachsen. Viel häufiger hingegen wachsen junge Menschen nicht mehr in klassischen Traditionsgefügen katholischen Glaubens auf. Alle, getauft oder nicht, sind also als freie Weggestalter unterwegs, die ihre Überzeugungen und auch ihren Glauben nach und nach entdecken. Eine experimentelle und sehr erfahrungsorientierte Kultur ist im Werden. Sie kennt Anfänge und Abbrüche und wirkt auf den ersten Blick sehr individuell und fragmentarisch. Nur auf den ersten Blick allerdings – denn zugleich gibt es eine Suche nach Stabilität, Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Stadtteilprojekte, Initiativen und Engagements für andere, neue Formen des Miteinanders, Social street Erfahrungen und wechselnde Formen von Gemeinschaften machen deutlich, wie sehr auch heute Menschen diese Grunddimension des Menschseins leben.

Inmitten einer posttraditionellen Gesellschaft stellt sich die Frage nach der Identität neu.

Klar und selbstverständlich gehört zu dieser Kultur selbstbestimmte Partizipation: den eigenen Raum der Mitwirkung und Entscheidung prägen zu können und prägen zu wollen – das gehört zum Standard.

Aber umso deutlicher wird auch, dass sich inmitten einer posttraditionellen Gesellschaft die Frage nach der Identität neu stellt: woran man sich festmacht, das muss erkennbar sein, das muss einen Unterschied machen – oder doch zumindest Orientierung geben. Die Identität der Traditionen wird aktuell. Wer hier Menschen gewinnen will für den priesterlichen Dienst, für Dienste in der Seelsorge, muss also berücksichtigen, dass es keine „all-for-one“ Lösungen geben kann. Sie sind nicht attraktiv – und umgekehrt muss deutlich werden, wie eine Ausbildung wirklich Gewinn für die persönliche Weiterentwicklung ist – und welche Perspektive der Dienst in der Kirche hat.

II. EIN VOLK IM WERDEN – NACH DEM ENDE DES MILIEUKATHOLIZISMUS

Nach dem Ende einer selbstverständlichen und modernisierten katholischen Milieukultur, die sich im Kontext einer liquiden Gesellschaftsform auflöst und so transformiert, zeigt sich ein erstes Bild kommender kirchlicher Kultur des Volkes Gottes in seinem Werdeprozess: sie ist fragil und fragmentarisch, auf dem Weg. Dieses Volk Gottes im Werden mag äußerlich noch an vielen Stellen traditionell wirken, aber in allen Generationen sind Christen heute erst auf dem Weg, Christ oder Christin zu werden; in allen Generationen sind Gläubige und Suchende freie Menschen, die auf ihren selbstbestimmten und vom Geist geführten Wegen in das Geheimnis des Glaubens hineinwachsen. Hervieu-Leger nennt sie „Pilger und Konvertiten“, und in der Tat geht das eine nicht ohne das andere: das Entdecken des Lebenssinnes und die immer deutlichere Ausrichtung des Lebens auf ein Ziel – die Vertiefung eigener Überzeugungen und Entscheidungen, das ist prägend.

So flüssig und unausrechenbar dies ist, es wird deutlich, dass eine solche Grundkonstellation alle Sozialformen der Kirche im Licht ihres Werdens und ihrer Verwandlungsprozesse sieht. Das ist keineswegs chancenlos, vielmehr wird schon heute deutlich, dass neben klassischen Gemeindeformen neue Gemeinden und Communities entstehen – wie zu allen Zeiten, zumal zu Umbruchszeiten. Dabei wird deutlich, dass wir neu darüber nachdenken müssen, was „Kirche“ eigentlich meint: sie ist zuerst und vor allem die Sammlungsbewegung Gottes, der durch seinen Geist immer wieder Menschen sendet und sammelt, ihre Gaben in den Dienst an anderen stellt und so neue Formen christlichen Lebens wachsen lässt. Ich erkenne hier keinen Mangel, sondern eher einen etwas blinden Blick und eine fehlende Unterscheidung. Blind bleiben wir, wenn wir einfach mit einem klassischen Blick auf die Christwerdungsprozesse unserer Zeit schauen – und nur Defizite entdecken: die hierarchischen Kategorien zwischen Publikum, Fernstehenden und treuen Kirchenfernen einerseits und den richtig guten, engagierten Gemeindechristen andererseits sind aber obsolet.

Hinzuschauen wäre auf die Suchprozesse vieler, auf das Engagement so vieler für andere, auf die Sehnsucht nach neuen Heimaten – und auf die fluiden und werdenden Communities, die sich bilden. Hinzuschauen wäre auch darauf, dass Ekklesiogenesis heute dann wirklich werden kann, wenn deutlich wird, dass es nicht um eine gemeindliche Einsammlungsbewegung geht – sondern um einen radikalen Weg der Sendung, des Teilens der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (GS 1) zumal und besonders der Armen. Aus dieser gelebten Sendung wächst dann Kirche neu.

Gleichzeitig wäre so zu unterscheiden zwischen der Kirche als der Gesamtheit des Volkes Gottes und den werdenden Gemeindeformen in ihm. Die katholische Ekklesiologie mit ihrer ortskirchlichen Dimensionierung ist der weite Raum dieses Volkes, das in der Freiheit der Kinder Gottes und aus der Kraft des Wortes und der Sakramente den Weg durch diese Zeiten sucht.

So wird das Bild einer institutionenzentrierten Sicht der Kirche auf den Kopf gestellt. In das Zentrum geraten die lebendigen Bewegungen und Erfahrungen, bei denen aus der gelebten Sendung sehr unterschiedliche Formen werdender Kirche entstehen. Aber genau das ist ja die Sinnspitze kirchlicher Institution und der Dienstaufgaben pastoraler Mitarbeiter und der Priester: durch die Verkündigung, durch die Feier der Geheimnisse, durch Leitung, die sich am Ursprung des Evangeliums orientiert, dem Werden des Volkes Gottes zu dienen.

Genau hier klärt sich das mögliche Profil pastoraler Dienste – und der unverzichtbaren sakramentalen Dienste des Priesters. Das Hauptwort heißt eigentlich schon immer „Dienst“. Es geht um Ermöglichung, um Begleitung der werdenden Christen und Gemeinschaftsformen, es geht um Orientierung vom Evangelium her, um die Begleitung im Lernen synodaler, geistlicher Unterscheidungsprozesse – und ganz demütig darum, dass Gottes Heilshandeln im Leben der Menschen wirklich werden kann. Gesucht sind also nicht zuerst „Macher“, sondern inspirierende und kompetente Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, die aus ihrer Sendung heraus den Weg des Volkes Gottes ermöglichen, damit die Sendung des Evangeliums weitergeht.

III. LERNEN VOM MUT DER ANDEREN – PIONIERERFAHRUNGEN AM ÜBERGANG

Die Diözesansynode des kleinen mexikanischen Bistums Ciudad Guzman hatte in den 90er Jahren nicht nur eine klare Option für selbstgesteuerte Basisgemeinden abgegeben, die eine Pfarrei als Netzwerk vieler Gemeinden erscheinen ließ – die Synode beschloss auch einen Ausbildungsgang für werdende Priester, der dieser Option konsequent folgte (Näheres über diesen Weg bei Hennecke, 105 – 108). Der neunjährige Ausbildungsweg beginnt mit einem „propädeutischen Jahr“: nicht in einem Seminar, sondern eben im Mitleben mit den Menschen in den Basisgemeinden, im Wahrnehmen ihrer pastoralen Weggeschichte, und im Mit-machen erster pastoraler Gehversuche unter der Führung örtlicher Verantwortlicher der Basisgemeinden. Verlangt ist große Eigenständigkeit der Kandidaten, und wichtig bleibt – für die ganze Ausbildung – eine Achtsamkeit auf Evaluationsprozesse durch das Volk Gottes und die Begleitpfarrer. Bevor nach einer ersten Studienphase eine persönliche Entscheidung folgt für den weiteren Weg, folgen immer wieder Phasen, in denen der Student mitten im Volk ohne Funktion, aber mit der Selbstorganisation seines Lebens beauftragt ist (einfache, harte Arbeit), um so das Leben des Volkes Gottes zu teilen, dem er eventuell später dient. Auch das Theologiestudium versucht, den Zusammenhang zwischen Praxis und Lehre neu zu ordnen. Nur einmal in der Woche treffen sich die Studierenden mit ihren Lehrern im Seminar und reflektieren Praxis und Studium miteinander.

Im Erzbistum Poitiers konnte man zu Zeiten des Aufbruchs der örtlichen Gemeinden eine Transformation des Priesterseminars erleben.

Das Seminar wurde zum „Seminar des Volkes Gottes“. Neben den wenigen Priesteramtskandidaten studierten hier auch alle, die aus örtlichen Gemeinden Theologie zur Zurüstung zu ihrem Dienst studierten. Erzbischof Rouet war konsequent: das gemeinsame Studium aller Akteure ist unverzichtbar, gerade im Blick auf den zukünftigen Dienst.

Noch eindrücklicher habe ich das Priesterseminar der Vinzentiner in Manila erlebt. Alle Seminaristen erlebten eine Struktur des Seminars, die selbst schon basiskirchlich organisiert war. Die Seminaristengruppen sind eine selbstverwaltete Gemeinschaft, das Seminar ist nicht substrukturiert in Gruppen, sondern umgekehrt ist die Basiseinheit die Lebensgruppe der Seminaristen. Das gemeinsame Leben der Seminaristen in diesen Gemeinschaften wurde begleitet durch einen Priester des Seminars. Gleichzeitig ist hier das Studium der Theologie eng mit dem Leben mit den Armen verknüpft: wenn etwa die Fragen um eine Theologie der Gnade verknüpft werden mit der konkreten Existenz der Armen, mit denen man am Wochenende das Leben teilt, um dann gemeinsam mit der Lerngruppe Theologie neu zu entdecken vom Leben der Menschen her.

Vielleicht geht der anglikanische Studiengang um Gemeindegründer – „pioneer ministry“ – noch einen Schritt weiter. Neben den klassischen Ausbildungsgängen für Theologinnen und Theologen hat die ekklesiale Perspektive der „fresh expressions of church“ zu einem neuartigen Ausbildungsgang geführt. Dort, wo neue Gemeindeformen werden, sind häufiger Christinnen und Christen am Ursprung, die mit Leidenschaft und mit Charisma diese neuen Kirchenwirklichkeiten ins Leben bringen. So ausgewiesen werden sie eingeladen, einen speziellen theologischen Ausbildungsgang wahrzunehmen, an dessen erfolgreichen Ende sie ordiniert werden für den Dienst in diesen neuen Gemeinden. Meistens haben diese Frauen und Männer schon andere universitäre oder professionelle Qualifikationen – entsprechend zugeschnitten und elementarisiert ist der theologische Ausbildungsgang im Blick auf die Leitung der neuen Kirchenformen.

IV. AUF DEM WEG IN DIE ZUKUNFT?

Schneider),

Und deswegen stellt sich die Frage, wie Priesteramtskandidaten wie auch alle anderen zukünftig eingebunden sind in das Volk Gottes – im Mitleben, im Mitleiden, im Mitkämpfen und im Entdecken der leidenschaftlichen Sendung der Christen. Gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein, ihnen wirklich zu dienen und das Leben zu teilen – das setzt eine andere Seminarform frei: vor allem werden Kandidaten mit dem Volk Gottes leben, mit ihnen zusammen beten und mit Leidenschaft das Evangelium und seine Sendung leben. Das muss nicht in einer Gemeinde sein – das kann auch im Kontext von Flüchtlingsinitiativen oder der Caritas geschehen. Entscheidend ist hierbei ein tiefes Eingebundensein in das Leben der Mitchristen – und so die Möglichkeit, eine Berufung im Dienst an diesem Volk, dessen „Geruch“ man angenommen hat, zu verifizieren. Ja, denn das Volk Gottes „weiß“ intuitiv um Berufungen in ihrem Dienst.

Priesterausbildung und Ausbildung pastoraler Berufe in postmodernen Zeiten braucht aber vor allem die Frage, wie viel Theologie nötig ist, um den jeweiligen Dienst zu tun. Es kann ja gut sein, dass Kandidaten für den Dienst des Priesters oder andere pastorale Berufe schon Kompetenzen und Fähigkeiten mitbringen, Ausbildungswege hinter sich haben. So wichtig Theologie in ihrer Vielfalt ist, so wichtig werden in Zukunft andere Kompetenzen sein, die zu diesen Diensten und Berufen gehören: neben den Grundhaltungen der Demut und des Dienens braucht es Fertigkeiten der Prozessorientierung, der Ermöglichung von Synodalität, der visionären Führung – mit anderen Worten: es braucht persönliche Entwicklungsund Kompetenzcurricula, die gemeinsam mit Kandidaten entwickelt, durchgeführt und evaluiert werden.

LITERATUR

Hennecke, Christian, Kirche steht Kopf – Unterwegs zur nächsten Reformation, Münster 2016.

Schneider, Gerhard, Auslaufmodell Priesterseminar, Freiburg 2016.