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Inhalt

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Heft 2.21 · Wahrheit

Editorial

Georg Lauscher

Auf dem Weg der Wahrheit und des Lebens begleiten

Geistliche Begleitung

Isabel Klaus

Johannes 14,6

Prof. i. K. DDr. Herbert Frohnhofen

Können Religionen wahr sein?

Magdalena Thomas

Wahrhaftig – ein Blick hinter die Kulissen

Es ist viel einfacher.

Ein Gespräch mit Carsten Leinhäuser.

Karin Freist-Wissing

Zwischen Tod und Leben

Über die Vermittlung von Liebe, Selbsterkenntnis und Wahrheit in Bachs Musik der Matthäuspassion

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Frage nach der Wahrheit lässt uns nicht los. Im Privaten wie im Öffentlichen ist sie der Maßstab für das Miteinander und die Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Wahrheit scheint dabei aber heute durch die breiten, internationalen und zum Teil schwer überprüfbaren Kommunikationswege zur einer schillernden Größe zu werden. Was sind Fakten, was Fakes, gibt es die eine Wahrheit oder nur meine Wahrheit, wie erfahre ich, ob etwas wahr ist und kann es auch sein, dass etwas zwar wahr ist, aber als Teil eines Ganzen dann zur Unwahrheit wird? Diesen Fragen, denen sich schon Pilatus stellen musste, wollen wir ein wenig auf den Grund gehen. Nicht umsonst eröffnet Jesus in dem Wort: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6), die ganze menschliche und übermenschliche Dimension und damit auch die Fragilität von Wahrheit in einer Welt, in der es (Gott sei Dank) allzu menschlich zugeht.

In dem vorliegenden Heft geht es um Wahrheit in der Gottesfrage und Wahrhaftigkeit in der Seelsorge. Sie werden mit dem Zweifeln darum konfrontiert, ob es denn überhaupt die eine Wahrheit gibt. Außerdem nehmen wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit auf eine spannende Reise durch die Matthäuspassion von Bach und dem, was auch auf den zweiten Blick an Wahrheit für unser Leben in ihr steckt – bis hin zu der Erkenntnis: wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.

Wir wünschen Ihnen ein inspirierendes Lesevergnügen.

Ihre

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Maria Gondolf

Clarissa Vilain

Georg Lauscher

Auf dem Weg der Wahrheit und des Lebens begleiten

Geistliche Begleitung

Was ist denn nun Wahrheit – ist sie das, was ich fühle? Das, was mir gesagt wird, das sie sei? Das, was überliefert wird? In der geistlichen Begleitung werden diese Fragen oft zu einem existentiellen Kristallisationspunkt des Prozesses. Wie man sich der Wahrheit im Glauben nähern kann und sie erleben beziehungsweise leben kann, bewegt Georg Lauscher in diesem Beitrag.

»Was ist Wahrheit?«, wird Jesus in seiner Passion gefragt. Darauf antwortet er mit keinem Wort. Weil er die Antwort ist und weil er sie lebt?

In diesem Beitrag zur geistlichen Begleitung geht es nicht um abstrakte Wahrheit(en). Im geistlichen Leben und Begleiten geht es nie um bloße Lehre, auch nicht um fromme Ideen. Wir nähern uns hier der Wahrheit von ihrem biblischen und existenziellen Sinn her. Emet – das hebräische Wort für Wahrheit – meint eine Zuverlässigkeit, Festigkeit, Tragfähigkeit, die sich in der Erfahrung bewahrheitet hat. Es ist bewährte, bewahrheitete Wahrheit. Sie ist nicht abstrakt; sie ist lebendige Wirklichkeit. Ihr biblisches Bild ist der Fels, der dem Menschen Grund und Standfestigkeit gibt. Jesus verheißt uns, so gegründet »werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32). Diese Wahrheit verleiht also dem Menschen Grund, Aufrichtung und Freiheit gegenüber Dingen, Menschen und Situationen innerer und äußerer Prüfung. Wenn wir Amen sagen, das mit emet verwandt ist, bejahen wir aus Erfahrung und im Vertrauen diese Wahrheit.

Dazu steht in einer gewissen Spannung das griechische, neutestamentliche Wort für Wahrheit aletheia: Es ist jene verborgene Wirklichkeit, die sich selbst enthüllt und ereignet. Dieser Aspekt betont mehr die Entwicklung, den Prozess, in dem sich die Wahrheit allmählich oder plötzlich zeigt.

Existenzielle Wahrheit hält beide Seiten in Beziehung zueinander, und zwar im Guardinischen Sinn nicht als Widersprüche, sondern als Gegensätze, die einander bedürfen. Ohne freie Entwicklung tendiert das biblische Felsenbild leicht zur Starre. Anderseits wird ohne Festigkeit und Verlässlichkeit das, was sich in Freiheit ereignen will, beliebig und konturlos. Im Folgenden wollen wir beide Aspekte biblischen Wahrheitsverständnisse mit Blick auf den Begleitungsprozess in Beziehung und Spannung halten.

Im Konkreten gründen

Die Bergpredigt Jesu, das »Grundgesetz des Neuen Bundes«, gipfelt im Bild vom Haus auf dem Felsen: »Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mensch, der sein Haus auf Fels baute« (Mt 7,24).

In Krisenzeiten gerät die bislang sichernde Statik des Lebenshauses in Bewegung. Die Betroffene erzählt dann sehr aufgeregt, unruhig, fast pausenlos. Wer unter Stress steht, ist kaum bei sich zu Hause und im ruhigen Wahr-Nehmen der Wirklichkeit. Die Aufmerksamkeit auf die Ebene des Fühlens zu lenken kann darin unterstützen, wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen und ansatzweise »festen Boden unter den Füßen« zu finden: Was sagen die Gefühle?

Nach dieser ersten Erdung, nach dem Andocken an die persönlich »gefühlte Wahrheit« könnte in der Unruhe und Verwirrung die Frage gehört werden: Haben Sie eine Idee, wie Sie sich selbst unterstützen könnten? Wo könnten Sie Zuflucht und Halt finden? Was ist auch jetzt noch vertrauenswürdig und verlässlich? – Auch wenn sich da zu Beginn der Erschütterung noch wenig zeigen mag – zwei Schritte sind entscheidend und notwendend. Ein erster: der hier konkret »gefühlten Wahrheit« Raum geben, sie in aufrichtigem Selbstmitgefühl bejahen. Und ein zweiter: die – wenn auch noch so bescheidenen – realen Möglichkeiten, sich selbst zu unterstützen, wahrnehmen. Dann kann keimhaft eine Erfahrung dessen aufgehen, was die Bibel mit dem Bild des Felsens andeutet: tragfähiger Grund, verlässliche Wahrheit.

»Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich« (Mt 27,51). »Als sie sah, dass sie in Gefahr geriet, versteckte sie sich in einer Felsspalte« (vgl. 1 Sam 13,6). In solch einer Felsspalte provisorisch Schutz suchend hört sie womöglich den inneren Zuspruch Gottes: »Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit (das heißt: meine elementare Wucht in deiner Krise) vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin« (Ex 33,21). Es ist kein Sich-Stellen in egozentrischer Manier, sondern in kaum wahrnehmbarer Beziehung: ein Sich-Stellen wie zugleich ein Gestellt-Werden. Dies ist zuerst dran: Erdung in gefühlter Wahrheit »auf dem Boden der Tatsachen«. Ein »Wahrsprechen über sich selbst«, reflektiert Michel Foucault, ist immer »eine Tätigkeit mit einem anderen, eine Praxis zu zweit«; »die Gegenwart dieses anderen« ist »unverzichtbar dafür, dass ich die Wahrheit über mich selbst zu sagen vermag«.