Inhalt

Heft 2 | April-Juni 2021

Jahrgang 94 | Nr. 499

Notiz

Sich von Habermas etwas sagen lassen
Bernhard Körner

Nachfolge

Plädoyer für eine Fahrrad-Spiritualität
Edith Kürpick FMJ

Madeleine Delbrêl.
Ein Interview mit Annette Schleinzer
Annette Schleinzer

„Ich … kann den Mund nicht halten“.
Petrus Canisius und das Apostolat der Geschwätzigkeit
Mathias Moosbrugger

Die Verborgenheit Gottes.
Eine ignatianische Betrachtung zur Markuspassion
Felix Körner SJ

Nachfolge | Kirche

„Und sie erkannten, dass sie nackt waren“ (Gen 3,7). Über die Sexualität in ihrem kirchlichen Kontext
François Cassingena-Trévedy OSB

Geistliche Kommunion 2.0.
Zur Renaissance eines theologischen Begriffs
Stefan Kopp

Das Martyrium in Gnade und Freiheit. Überlegungen zum ökumenischen Gedenken
Roman Winter

Die Ränder evangelisieren die Kirche. Impulse für einen Ortswechsel
Kleine Schwester Ulrike von Jesus

Nachfolge | Junge Theologie

Gottbegegnung in Menschenbegegnung. Liturgie und Diakonie bei E. Schillebeeckx
Agnes Slunitschek

Reflexion

„Lümmelnde Engelchen“ vor der Madonna? Zur Deutung von Raffaels populärstem Bild
Willibald Hopfgartner OFM

Unbedingt anerkannt?! Apersonale Spiritualitäten - christlich reflektiert
Johannes Lorenz

Immer wieder in die Schule gehen. Lernen bei Ignatius von Loyola
Hans Brandl SJ

Lektüre

„Die Nacht ist vorgedrungen“. Ein Weihnachtslied von Jochen Klepper in der Passionszeit
Egbert Ballhorn

Buchbesprechungen

Notiz

Bernhard Körner | Graz

geb. 1949, Dr. theol., Prof. em. für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz, Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN

bernhard.koerner@uni-graz.at

Sich von Habermas etwas sagen lassen

In einer Rede zum 80. Geburtstag des jüdischen Gelehrten Gershom Scholem (1897–1982) hat Jürgen Habermas darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Geisteswissenschaften bei der Auslegung von Texten der Vergangenheit „in jener merkwürdigen Ambivalenz“ bewegen „zwischen der Erhellung von Dokumenten, aus denen wir noch Lebenswichtiges lernen können, und der Entzauberung ihres dogmatischen Geltungsanspruches“. So werden die Weitergabe und Aneignung von Tradition „zugleich ermöglicht und vernichtet“1. Was heißt das? Dazu muss man wissen: Scholem, den Habermas mit seiner Rede ehrt, hat sich mit jüdischer Mystik befasst, er war aber selbst kein Mystiker. Er spricht also über etwas, wozu er in seiner eigenen Erfahrung keinen Zugang hat. Wie kann er dann mystische Texte verstehen und verständlich machen? Gerade im Blick auf die Mystik bleibt nur ein Ausweg – der Interpret muss die Texte im Licht seines Wissens über die Mystik, also in der Außenperspektive und nicht in der Innenperspektive lesen. Und das gilt nicht nur für die Mystik, sondern oft genug für Aussagen des Glaubens überhaupt.

Dieser Wechsel der Perspektive mag auf den ersten Blick harmlos erscheinen, ist es aber nicht. Denn in der Außenperspektive wird der Wahrheitsanspruch einer Glaubensüberzeugung in Klammern gesetzt. Nehmen wir ein Beispiel: Teresa von Avila spricht von ihrer mystischen Begegnung mit Christus. Diese ist für sie eine Wirklichkeit, eine Erfahrung. Religionswissenschaftler(innen) oder Theolog(inn)en, die keine mystischen Erfahrungen haben, können darüber nur in der Außenperspektive sprechen. Sie sagen – genau genommen – nicht: „Christus ist Teresa erschienen“, sondern nur „Teresa war überzeugt, dass ihr Christus erschienen ist“. Das kann sogar ein(e) Atheist(in) sagen, denn der Geltungsanspruch der mystischen Erfahrung ist in Klammern gesetzt, „entzaubert“ – wie Habermas sagt.

Was haben diese Überlegungen mit gelebter Spiritualität und Seelsorge zu tun? Ich meine: sehr viel. Dass in unserer Gesellschaft die religiöse Rede eine große Herausforderung darstellt, ist nicht neu. Was Jürgen Habermas anspricht, wird dabei allerdings kaum in Rechnung gestellt. Es ist zuzugeben, dass es manchmal gut, ja unumgänglich sein kann, in der Außenperspektive zu sprechen, einfach wiederzugeben, was andere im Glauben erfahren und erkannt haben. Oder was in der Bibel berichtet wird. Dabei kann die Frage, ob es das gibt, wovon erzählt wird, offenbleiben. Aber früher oder später stellt sich dann doch die Frage, wie es wirklich war, oder ob es das geben kann, wovon die Rede ist. Und das heißt: Man muss von der Außen- in die Innenperspektive wechseln.

Damit ist aber klar, dass eine universitäre Ausbildung für die Seelsorge, geistliche Begleitung, Exerzitien, Predigt usw. allein nicht genügt. Theologie an der Universität erhebt den Anspruch, Wissenschaft zu sein. Zumal heute will sie dadurch ihren Platz im Haus der Wissenschaften sichern. Deshalb wird sie über Gott in der Regel – nicht anders als die Religions- oder Kulturwissenschaften – in der Außenperspektive sprechen. Das schließt nicht aus, dass Vortragende dann und wann auch in der Innenperspektive ihren Glauben erkennen lassen. Das auch, weil es für Studierende manchmal irritierend ist, dass der Glaube so distanziert thematisiert wird. Erst recht gilt das für die Seelsorge. Wird nur in der Außenperspektive gesprochen, dann kann das Geglaubte nicht durch das Zeugnis als Wirklichkeit zur Sprache kommen. Ob es gilt, bleibt unklar.

Wo aber lernt man das Sprechen in der Innenperspektive? Manche werden ein solches Sprechen als Fundamentalismus zurückweisen. Zu Unrecht, denn in diesem Fall wäre ja auch die Bibel durch und durch fundamentalistisch. Andere werden sich mit einem wissenschaftlichen Studium begnügen und für die Seelsorge ungeeignet sein. Wer nur referiert, was andere im Glauben gesagt haben, bleibt im entscheidenden Augenblick das Wesentliche schuldig. Schließlich gibt es die Möglichkeit, dass Absolvent(inn)en eines Studiums zwar in der Innenperspektive des Glaubens sprechen, aber auf ungeübte, vielleicht auch peinliche Weise. Anders gesagt: Der Übergang von der Außenperspektive zur Innenperspektive ist ein entscheidender Ort, um sich klar zu werden, worum es im Glauben eigentlich geht und wie es um den eigenen Glauben steht. Die Suche nach den rechten Worten ist die Suche nach der „Sache“. Man darf sie sich nicht ersparen. Wenn es um Gott geht, genügt es nicht, sagen zu können, wie Thomas von Aquin von ihm spricht oder Henri de Lubac – auch ich selbst muss sagen können, wer Gott ist. Das wird mir durch den Glauben abverlangt und natürlich auch durch die Seelsorge.

Nur durch mein Sprechen in der Innenperspektive, also durch mein Zeugnis kann ich vermeiden, dass die Weitergabe und Aneignung unserer christlichen Tradition – mit den Worten von Jürgen Habermas – zugleich ermöglicht und vernichtet wird. Nur so gewinne ich Klarheit über meinen Glauben und kann ich für andere eine Stütze im Glauben werden.

J. Habermas, Politik, Kunst, Religion. Stuttgart 1978, 133.

Edith Kürpick FMJ | Köln

geb. 1967, Priorin der Monastischen Gemeinschaft der Schwestern von Jerusalem, Köln, Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN

schwester.edith.koeln@jerusalemgemeinschaften.de

Plädoyer für eine Fahrrad-Spiritualität

Viele starten regelmäßig mit einer Reihe guter Vorsätze ins neue Jahr. Dazu gehört nicht selten auch die Absicht, in Zukunft wirklich mehr Sport zu machen. Für einen guten Vorsatz braucht es oft eine kleine Motivationshilfe. Und weil Sport ja durchaus etwas Ganzheitliches ist und nicht nur die Muskeln, sondern auch Geist, Herz und Verstand betrifft, soll hier ein kurzes Plädoyer für eine Fahrrad-Spiritualität skizziert werden.

Unübersehbar ist der Titel angelehnt an einen Text von Madeleine Delbrêl1. Die folgenden Ausführungen haben aber auch ein wenig bei Romano Guardini vorbeigeschaut. Im Hintergrund steht die Vermutung, dass Christsein heute, in welcher Lebensform auch immer, tatsächlich ein bisschen mehr Bewegung braucht.

Eine kurze Vorbemerkung noch, um im Bild zu bleiben: Das Fahrradfahren verlangt einiges ab. Ob mit Gangschaltung oder ohne – in die Pedale treten muss man allemal. Ohne Selbstbewegung geht es nicht, auch wenn man fest im Sattel sitzt. Ein bisschen flexibel sollte man schon sein, denn manchmal, vor allem beim Abbiegen, ist es besser, sich mit in die Kurve zu legen. Dafür kann man aber auch etwas auf den Gepäckträger klemmen oder im Fahrradkorb mitnehmen. Und man kann, wenn man es denn kann, wunderbar freihändig fahren.

Seit einiger Zeit ist in unseren Städten ein hässlich-praktisches Konkurrenzgerät aufgetaucht: der E-Scooter. Den Zugang dazu gewährt kein Schlüssel zu einem altbackenen Rundschloss, sondern das Smartphone. Dann geht es auch schon los, wenn er (der Akku, nicht die Beine) denn aufgeladen ist. Man steht darauf senkrecht wie eine Eins, wie mit einem unsichtbaren Brett im Rücken, und wird ohne Anstrengung unbewegt fortbewegt. Mitnehmen kann man so gut wie nichts, beugen muss man sich nicht und ins Schwitzen kommt man garantiert nicht. Man hat alles im Griff und, so scheint es, den kompletten Überblick über jede Situation, durch die man souverän hindurchrauscht. Nur eines sollte man in jedem Fall – nicht nur wegen des angedrohten Bußgeldes – tunlichst vermeiden: versuchen, freihändig zu fahren! Alles in allem vielleicht kein optimales Bild für eine heutige Spiritualität … Von daher also ein Plädoyer für die des Fahrrads.

Nur „eine“ Spiritualität?

Natürlich drängt sich sofort eine Rückfrage auf: Ja, gibt es denn nur eine Spiritualität? Die – richtige – Spiritualität? Die Frage ist nicht neu2 und ist hier nicht zu vertiefen. Christliches geistliches Leben soll in diesem Zusammenhang, verkürzt gesagt, verstanden werden als Widerhall, als Ankommen der Heilsgeschichte im Leben des oder der Einzelnen3 und Spiritualität entsprechend als reflektiertes und verantwortbares Leben aus eben dieser Heilsgeschichte. Die aber artikuliert sich prozesshaft: Sie bewegt sich zwischen Himmel und Erde, Gott und Menschen, Gnade und Freiheit, Aktion und Passion, aber auch Treue und Versagen, Suche und Erfüllung … Zwischen diesen Koordinaten sind wir, wenn man so will, mit unseren Rädern unterwegs.

Christsein auf Erden meint: werden, was wir sind. Treue zu unserer Taufgnade kann es ohne Werden nicht geben. Im Prisma der Spiritualität brechen sich die Lebensfarben in vielfältigen Facetten, gezeichnet von Bewegung und Wandel. Man könnte sich fragen, ob es nicht Grundelemente gibt, die für eine Beweglichkeit und Lebendigkeit unverzichtbar sind. Oder, anders gesagt, notwendige Grundhaltungen für eine Fahrrad-Spiritualität. Vermutlich gibt es viele. Aber weil Fahrradfahren ja im Grunde kinderleicht ist, seien hier nur vier in Erinnerung gerufen.

Ein Glaube, der die Erde liebt

Keine Frage: Unsere Zeit, unsere Zivilisation, unsere Kontexte werden immer weiträumiger und zugleich individualistischer, immer schneller und multikultureller, immer komplexer und unlesbarer. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind eingebunden in vielschichtige und einflussreiche Prozesse wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, medialer oder politischer Art. Dem ungeahnten Reichtum an Möglichkeiten und Angeboten, den stimulierenden Herausforderungen steht ein hohes Maß an Überforderung und schmerzvollem Scheitern und Nicht-Mithalten-Können gegenüber. Es drängt sich manchmal der Eindruck einer multioptionalen Zerfahrenheit, einer „angestrengten Diesseitigkeit“ (P. M. Zulehner) auf. Der Mensch ist immer noch ein Homo viator, er klickt sich existenziell einfach anderswo weiter, tritt die säkulare Flucht in die Welt an: Erfahrung to go und scheinbar um jeden Preis, „Transzendenz bestenfalls im Selbstversuch“4. Das kann einen gläubigen Menschen schon manchmal entsetzen und ziemlich zusetzen.

Und doch liegt das Problem des gläubigen Menschen nicht so sehr in diesem Entsetzen, sondern vor allem darin, dass die allererste und bleibend gültige Geste Gottes über alles Geschaffene vergessen wird: sein Segen. Vom ersten Blick Gottes, der sah, dass es „sehr gut“ war (Gen 1,31), bis hin zu der Zusage des Auferstandenen „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt 28,20) liegt auf dieser Welt, auf den Menschen und auf ihrem Wachstum Gottes Segen. Erstaunlich, wie sehr der Segen heute unterschätzt wird! Wir können eben nicht auf einem spirituellen E-Roller mit heimlicher Verachtung im Herzen und großem Jammern auf den Lippen souverän über unsere Zeit hinwegfliegen und uns vermeintlich geistlich, d.h. billig aus ihr herausstehlen. Das wäre eine arge Illusion: „Es gibt Menschen, die, weil sie nicht ihrer Zeit angehören, meinen, der Ewigkeit anzugehören.“5 Es wäre auch nicht der Weg Gottes, der, ob es uns passt oder nicht, „diese Welt so sehr geliebt hat“ (Joh 3,16).

Hinter diesen Gott also, der sich definitiv auf die Welt zubewegt hat, sich mit seiner Menschwerdung in sie hineinbewegt hat, kann unser Glaube und darf auch eine Spiritualität heute nicht mehr zurück. Fahrrad-Spiritualität könnte also heißen: in diese Bewegung einschwingen, sich bewegen und bewegen lassen hin zu einer liebenden, nicht naiven, aber unmissverständlichen Zeitgenossenschaft – kein Rückzug aus den heute so extrovertierten Lebenswelten hinein in eine innere Sicherheits- und Komfortzone, in eine klar abgegrenzte, vertraute Umgebung ohne Risiken und Nebenwirkungen, in der man nicht mehr viel erklären muss, weil alle gleich denken und gleich fühlen, und in der man alles unter Kontrolle hat; kein Lagerfeuer, um das sich in dunklen Zeiten die kleine Herde versammelt, trotz oder gerade wegen Corona eng zusammenrückt und unmerklich die Kirche und die Welt und die gesamte Wirklichkeit auf dieses so warm flackernde Feuerchen reduziert. Der Herr hat nirgendwo schön asphaltierte Fahrradwege verheißen, die mit Null-Risiko-Schildern ausgewiesen wären: „Gefährlich ist das Leben“, schreibt Romano Guardini, „man kann ihm nicht trauen. Es ist untreu, sobald man unter Treue versteht, dass angebbare Sicherheiten dafür bestünden, es werde sich später verhalten wie gestern und heute.“6

Eine Spiritualität also tut not, die sich nicht scheut, auch die holprigen Wege der Erde und der Menschen einzuschlagen, und die sich unterwegs selbst von fremden Welten anreden lässt; eine Spiritualität, deren Bewegung und Lebendigkeit nicht darin besteht, sich einfach der Zeit anzupassen oder ihr hinterherzuhecheln, sondern sich ihr auszusetzen und in Kauf zu nehmen, dabei auch einmal auf die Nase zu fallen (das kann beim Fahrradfahren passieren); ab und zu mal einen Gang runter- oder auch raufzuschalten und sich immer wieder neu anzustrengen, im Gegenwärtigen Gott zu suchen, zu finden, zu bezeugen und … wiederum zu suchen. Mit einem Glauben, der die Erde liebt (K. Rahner) und der dem Leben dann doch traut, weil Gott es mit uns lebt7.

Damit das Fahrrad dennoch nicht in eine Schieflage gerät, braucht es eine weitere Grundhaltung.

Ein Glaube, der den Himmel liebt

Die Komplexität unserer Zeit und die multi-optionalen Möglichkeiten heute bergen nämlich auch die Versuchung, die Wirklichkeit auf einer rein horizontalen, immanenten Ebene anzusiedeln, ohne Tiefgang und ohne Höhenluft (höchstens mit ein paar exzentrischen Höhepunkten oder recht derben Tiefschlägen) – aber ohne Fenster zum Himmel. Christliche Spiritualität kann sich da nicht einfach einrichten und es sich bequem machen oder, schlimmer noch, mit ähnlich zivilen Reflexen satt werden an den eigenen vermeintlichen Sicherheiten. Im Gegenteil: „Der Herr hat uns die Unruhe und die Verantwortung ins Herz gebrannt, und man verrät den Himmel, wenn man die Erde nicht liebt, und man verrät die Erde, wenn man nicht an den Himmel glaubt, weil man der Erde Gewalt antut und nicht mit segnenden, helfenden Händen zu ihr kommt.“8 Das Johannesevangelium bringt diesen Anspruch so auf den Punkt: in der Welt – aber nicht von der Welt (vgl. Joh 17,11ff.). Vielmehr von einer anderen Welt oder besser: aus einem Geheimnis heraus, das nicht manipulierbar ist und allen Möglichkeiten immer schon vorausliegt und dennoch hineinreicht und hineinwirkt in diese Welt – und Leben und Wirken freilassend möglich macht.

Ein Glaube, der das Geheimnis und den Himmel liebt, ist die Antriebskraft, die uns daran hindert, auf unserem geerdeten Fahrradweg zu früh abzusteigen. Das ist uns eigentlich schon neutestamentlich eingeimpft. Der Brief an Diognet aus dem 2./3. Jahrhundert zeichnet ein erstaunliches Porträt frühchristlicher Fahrradfahrer(innen): „Die Christen unterscheiden sich von anderen Menschen weder dadurch, dass sie in einem bestimmten Land leben, noch durch ihre Sprache oder ihre Sitten (…). Und doch haben sie eine verwunderliche Haltung zum Leben: Sie wohnen in ihrer jeweiligen Heimat, aber wie Ausländer; (…) jedes fremde Land ist ihnen Heimat, und jede Heimat ist ihnen fremd (…). Sie leben in der Welt, passen sich aber der Welt nicht an. Sie leben auf der Erde, sind aber Bürger des Himmels.“9

So ließe sich in den Fahrradkorb einer heutigen Spiritualität ein Wunsch für die Weiterfahrt hineinlegen: dass wir etwas von dieser frühchristlichen Frische wiederfinden, die so selbstverständlich und unbekümmert zweispurig fuhr – auf der ökonomischen Spur des Heilshandelns Gottes in Welt, Geschichte und Menschenleben, und zugleich auf der eschatologischen Spur der großen Himmelshoffnung. Das wäre eine Haltung, die das ewige Leben auch, aber nicht nur bekennt und besingt, die es nicht nur im Jenseits, nach dem Tod verortet, sondern die sich heute beim Wort nehmen und sich engagieren lässt. Und die – auch wenn es ein bisschen anmaßend klingen mag – dem ewigen Leben hilft, schon jetzt diese Welt und ihre Erdenschwere zu „durchwohnen“ (M. Delbrêl).

Es braucht einen Glauben, der Erde und Himmel liebt, denn es kann nicht mehr angehen, nur einfach auf der einen Überholspur und damit auf Kosten der anderen zu fahren. Vielleicht sind wir ab und zu noch heimlich versucht zu meinen, dass es auch spirituell getrennt (nur der Himmel – nur die Erde) manchmal schneller gehen würde. Aber nur mit beiden im Gepäck, zeitgleich auf beiden Spuren unterwegs, kommen wir weiter und ans Ziel. Das setzt allerdings die Bereitschaft voraus, sich vom Leben berühren zu lassen – und zugleich die Fähigkeit, das Unaussprechliche, das ganz Andere ins Wort zu bringen; eine Dialogfähigkeit also.

Eine dialogische Beziehung zur Wirklichkeit10

Entweder ist Spiritualität pneumatisch, wie ihr Name schon sagt, also wirklich vom Heiligen Geist bewegt, oder sie erscheint als ein verehrungswürdiges, museales Relikt der Vergangenheit. Wer unter dem Wirken des Hl. Geistes steht, versteht sich darauf, mit anderen zu sprechen und nicht nur mit sich selbst. Geistesgegenwärtig und geistbewegt werden wir zu Hörenden, die die Wirklichkeit überhaupt erst einmal als Anrede wahrnehmen11 und die sich dann dem An-Spruch der Welt stellen. Daraus erwachsen wesentliche Optionen:

– Das Vertrauen auf die liebende Zuwendung Gottes, die bleibende Gegenwart Jesu Christi, das Wirken seines Geistes heute (wer könnte theologisch aufzeigen, dass er das letzte Mal bei uns in den 1950er-Jahren gewirkt hätte?).

– Das Schöpfen aus der eigenen Tradition als einem kostbaren Erbe, aber auch die Bereitschaft, sich von der Gegenwart anfragen und herausfordern zu lassen, ohne ängstlich vor ihr zurückzuweichen.

– Das Bejahen der Alterität und die Weigerung, Fremdes einfach in unserem Eigenen aufgehen zu lassen. Andere Fahrräder und auch andere Markenräder sind mit uns auf dem Weg …

– Das Bemühen, die Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen, wo immer sie sich (wenn auch nur fragmentarisch) zeigt – denn „die Wahrheit ist ein Buch, das noch niemand von uns zu Ende gelesen hat“12. Die Hoffnung, dadurch gastlicher, lernfähiger und nuancierter zu werden.

– Das Rechnen mit unserer eigenen Verwundbarkeit und unserer machtvollen Fähigkeit, andere zu verwunden. Wir huldigen keinem Unschuldswahn.

– Die Annahme unserer Grenzen und der Grenzen anderer; die Mühe, ein Gespür für Endlichkeit und Ewigkeit zu entwickeln.

– Die Sehnsucht, der Verkündigung des Evangeliums treu zu bleiben und zugleich die Erfahrung der Vielfalt des Lebens zuzulassen – ohne Navigationssystem, ohne Autopilot, ohne viel mehr als den nächsten Schritt oder den nächsten Tritt in die Pedale zu wissen.

– Die Wachheit, ausgehend von unserem Gottes- und Menschenbild zwischen Gegensatz und Widerspruch zu unterscheiden und der Versuchung zu widerstehen, zu polarisieren, zu fragmentieren oder zu fusionieren.

Romano Guardini hat dazu schon vor 95 Jahren einen bleibend wichtigen, erstaunlich aktuellen Impuls gegeben.

Gegensätze aushalten und bejahen

Guardini hat vermutlich nie behauptet, das Leben sei eine gemütliche Fahrradtour. Auf jeden Fall ist es für ihn alles andere als ein friedliches, stilles Gewässer. Nach Romano Guardini existiert alles Lebendige nur im Spannungsgefüge von Gegensätzen oder Polaritäten (aber nicht unbedingt von Widersprüchen): „Dieses eigentümliche Verhältnis, in dem jeweils zwei Momente einander ausschließen und doch wieder verbunden sind, ja, einander geradezu voraussetzen, (…) nenne ich Gegensatz.“13 Oder noch genauer: „Das ist Gegensatz: dass zwei Momente, deren jedes unableitbar, unüberführbar, unvermischbar in sich steht, doch unablöslich miteinander verbunden sind; ja, gedacht nur werden können an und durch einander.“14 Dynamische Spannung, Spannungseinheit – eine Spiritualität, die sich lebendig und beweglich wissen möchte, steht notwendigerweise unter dem gleichen Gesetz. Dies auszuhalten und wirklich innerlich zu bejahen ist anstrengend und immer unbequem. Die Versuchung liegt nahe, Differenzen zu zähmen, Spannungen einzuhegen und neutralisieren zu wollen, d.h. einerseits die Linien dualistisch weiter auszuziehen, zu polarisieren, noch weiter zu fragmentieren, zu spalten, abzuspalten; die Komplexität der Welt und ihrer Fragen auf einen überschaubaren Komplex zu reduzieren (das Leben ist einfach, verständlich und schwarz-weiß; die Alternativen … alternativlos exklusiv), andererseits die Differenzen zuzukleistern, harmonisch zu glätten, zu vermischen und schließlich in einer Synthese des Gleich-Gültigen aufzulösen.

Beide Tendenzen – Spaltung oder Identität – sind in ihren Extremen tödlich für den Reichtum und die Fülle des Lebens. Eine Fahrrad-Spiritualität wird es sich nicht leisten, die bestehenden Polaritäten einfach elegant zu umschiffen. Sie kann aber auch nicht den goldenen, unengagierten „Mittelweg“ nehmen, der niemandem weh tut. Sie situiert sich vielmehr wie bei einer Gratwanderung genau auf dieser Spannungslinie dessen, was man einmal das ur-katholische Prinzip des et … et genannt hat: nicht entweder – oder, sondern sowohl … als auch; nicht nur … sondern auch: nicht nur Gnade, sondern auch Freiheit15, nicht nur Gott, sondern auch Mensch, nicht nur Einheit, sondern auch Vielfalt und Verschiedenheit, nicht nur heilige, sondern auch sündhafte Kirche (semper reformanda).

16

Weil alles endlich Lebendige immer unausgeglichen ist, bleibt es notwendig verwiesen auf den Kontakt, auf die Beziehung mit anderem Lebendigen. Damit kommt dem Gegensatz eine wichtige kritische Bedeutung zu: In seiner Widerständigkeit bewahrt er vor der Anmaßung und der „naiven Selbstsicherheit, mit der sich eine enge Individualwelt als ‚die Welt‘ setzte.“17 Er hilft, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich andererseits auch anfragen zu lassen – und die eigene kleine, wenn auch wichtige Fahrradlampe nicht gleich für das Licht der Welt zu halten.

Wer aus einer solchen Spiritualität lebt, sitzt nicht einfach fest im Sattel, sondern setzt sich aus, bleibt selbst ausgespannt zwischen den Polaritäten; riskiert einerseits dynamische Vitalität und echte Fruchtbarkeit, andererseits das eigene Zerrissen-Werden. Genau diese Spannungseinheit, die pulsierendes Leben und Offenheit ermöglicht, macht diese Öffnung zu einer Leer-Stelle, zu einer absoluten Stelle, die vieles und viele sich anmaßen zu besetzen, die es aber für Gott, den einzig Absoluten, offenzuhalten gilt. Mehr noch: Die Spannungseinheit macht diese Öffnung zu einer Wunde, die der am Kreuz Ausgespannte am vollkommensten ausgetragen hat: Jesus. In seinem Kreuz sind Heil und Leben, nicht daneben.

Vielleicht ist diese Achse, die so sehr nach einer Bruchstelle aussieht, ist dieses Kreuz Jesu Christi das, was Romano Guardini mit „Mitte und Maß“ meint: „Die Mitte ist das Geheimnis des Lebens. Wo die Gegensätze zusammen sind; von wo sie ausgehen, wohin sie zurückkehren.“18 Das führt nicht zu einem geschlossenen System. Es führt zu einer neuen Haltung, einer „Haltung des steten Gehens, Hindurchgehens. Leben kann nur lebendig bleiben, wenn es maßvoll und bewegt bleibt; ein steter, auf bleibendes Gleichgewicht, auf dauernde Gegenwart verzichtender Vorübergang.“19

„Immer weiter!“ hätte Madeleine Delbrêl jetzt vielleicht dazu gesagt. Und wäre auf ihr Fahrrad gestiegen und davongebraust.

M. Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße. Ein Lesebuch. Hrsg. v. A. Schleinzer. München u.a. 22015, 246ff.

Vgl. J. Sudbrack, Vom Geheimnis christlicher Spiritualität: Einheit und Vielfalt, in: GuL 39 (1966), 24–44.

Vgl. J. Daniélou, Vom Geheimnis der Geschichte. Stuttgart 1955, 322, zitiert in: J. Sudbrack, Vom Geheimnis christlicher Spiritualität, 27 [s. Anm. 2].

H.-J. Höhn, Fremde Heimat Kirche. Glauben in der Welt von heute. Freiburg i. Br. u.a. 2012, 163.

H. de Lubac, zit. nach: E. Bianchi, Wir sind nicht besser. Das Ordensleben in der Kirche und inmitten der Menschen. Sankt Ottilien 2011, 308.

R. Guardini, Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten. Mainz 1925, 72f.

Vgl. A. Delp, Meditation zur Vigil von Weihnachten, 24.12. 1944, in: R. Bleistein (Hrsg.), Alfred Delp – Gesammelte Schriften. Band IV: Aus dem Gefängnis. Frankfurt/M. 1984, 195.

A. Delp, Predigt zu Christi Himmelfahrt 1943, in: R. Bleistein (Hrsg.), Alfred Delp – Gesammelte Schriften. Band III: Predigten und Ansprachen. Frankfurt/M. 1983, 214.

BKV 1/12 (1913), 165f.

10  Vgl. T. Halík, Glaube und sein Bruder Zweifel. Freiburg i. Br. u.a. 2017, 9.

11  Vgl. T. Halík, Theater für Engel. Das Leben als religiöses Experiment. Freiburg i. Br. u.a. 2019, 12.

12  Ebd., 13.

13  R. Guardini, Der Gegensatz, 23 [s. Anm. 6].

14  Ebd., 42.

15  Vgl. T. Halík, Glaube, 264 [s. Anm. 10].

16  R. Guardini, Der Gegensatz, 40 [s. Anm. 6].

17  Ebd., 250.

18  Ebd., 252.

19  Ebd., 255.